Ich habe mich gestern mit einer Freundin getroffen die mit mir damals in der Klinik war. Ich weiß garnicht ob ich es schon erwähnt habe? Ich war vor knapp 2 Jahren wegen meiner Angststörung 8 Wochen in einer Klinik. Dort war ich 6 Wochen stationär und 2 Wochen teilstationär (Tagesklinik). Aber darum geht es jetzt nicht. Jedenfalls bin ich noch in regelmäßigen Kontakt mit zwei Leuten, was wirklich sehr bereichernd ist.
Ich neige schon immer dazu, jedenfalls glaube ich das, in die Extreme zu gehen. Ganz oder garnicht. Perfekt oder garnicht. Entweder ich schaffe das mit Bravur oder ich scheitere. Zu vergessen, dass es da auch viele Zwischenstufen gibt habe ich ganz aus den Augen verloren. So steht man gefühlt immer vor dem Fall. Kein Selbstvertrauen, kein Urvertrauen. Immer Gefahr. Und schon immer habe ich Angst vor dem Fall, zu scheitern, dass es dann nicht weiter geht.
Beispiel 1: Ich habe für mich entdeckt wie wichtig für mich Ruhe, Geborgenheit, Routine, Sicherheit und Selbstfürsorge ist. Das war schon mal ein guter Schritt. Andererseits habe ich das Bedürfnis nach Gemeinschaft, sozialen Kontakten, Freuden, Erlebnissen. Okay, soweit so gut. Was löst das bei mir aus? Ein Konflikt. Ich habe Angst meine neu entdecktes Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit zu verlieren wenn ich mich gleichzeitig um das andere Bedürfnis kümmere.
Beispiel 2: Ich fahre mit Arbeitskollegen auf Geschäftsreise. Ich habe Angst, dass mein Bedürfnis nach Ruhe zu kurz kommt. Andererseits habe ich Angst dafür abgelehnt zu werden, wenn ich nicht überall dabei bin und mit Zeit für mich alleine nehme. Wenn ich beispielsweise nach dem gemeinsamen Abendessen auf mein Hotelzimmer gehe während die anderen noch feiern gehen. Ein Konflikt.
Beispiel 3: Meine Schwester fragt mich immer mal wieder nach Hilfe und Unterstützung. Ich habe Angst meine neu gewonnene Autonomie zu verlieren. Meine neu gewonnen Selbstfürsorge. Dass ich mich wieder für andere aufgebe und mich dabei selbst aus den Augen verliere. Wenn ich Ja sage ärger ich mich über mich selbst und über meine Schwester, dass ich mich wieder aufgebe obwohl ich es nicht will. Wenn ich Nein sage habe ich ein schlechtes Gewissen, vielleicht hätte ich ja doch Zeit gehabt. Ein Konflikt. Nur volles Ja oder nur volles Nein.
Und jetzt kommt meine Freundin ins Spiel mit der ich mich gestern toll unterhalten habe. Sie hat mir von ähnlichen Themen erzählt und mich darauf gebracht (besser gesagt ihre Therapeutin :-)) dass es für alles Zwischenlösungen gibt. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt Grautöne. Alles ist verhandelbar. Puh, das hat mich echt zum Nachdenken gebracht trifft es doch genau meinen wunden Punkt.
Um gleich mal an das Beispiel 3 zu gehen. Das ist das schwierigste. Ich habe bei diesem Themen mit Familie bisher nur ein hartes, wütendes Nein gekannt zum Schutz vor dem zuviel an Ja in meiner Kindheit und Jugendzeit. Ich habe es nicht gelernt zu verhandeln. „Nein, aber ich wünsche mir dies und das und dann geht das vielleicht so…“. Für ein Nein war kein Platz weil die andere Person sofort wütend, beleidigt, verletzend oder traurig wurde. Das konnte ich als sensibler Junge nicht ertragen wenn es den anderen nicht gut geht.
Zudem musste ich ja immer für andere da sein. Deswegen hat sich auch ein harter Schutz eingestellt. Die Wut als Schutz, die Angst mich darauf hinzuweisen, dass ich hier nach mir schauen muss. Erst jetzt kann ich das so anschauen und verstehen. Ein Schlüsselerlebnis war damals sicherlich, als ich bei meiner ersten Ausbildung gekündigt wurde nach der Probezeit. Im ersten Moment natürlich unangenehm. Ich habe die Schuld natürlich bei mir gesucht. Bescheuert aber war so.
Das Ganze ist normalerweise erstmal in Ordnung. Das Problem war die Reaktion meiner Eltern. Da war kein Urvertrauen, dass alles gut wird, kein Halt und vor allem keine Ruhe. Da waren Sorgen und Panik und schnell schnell der Junge muss was finden. Kann doch nicht sein, dass der Junge ohne Ausbildung dasteht! Ich glaube das hat mich geprägt und lässt sich auf die oberen Beispiele projizieren. Wenn was wegfällt, dann Panik und Angst. Anstatt anschauen, verhandeln, eine Lösung finden. Vertrauen eben!
Ein anderes Thema war dann noch, dass ich als „sensibler Junge“ in eine Umgebung gekommen in der ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt habe und teilweise gemobbt wurde. Ich als kreativer, sprachtalentierter Junge bin in ein Handwerksbetrieb gekommen wo es nur die vermeintlich harten Jungs hab. Ich habe das trotzdem durchgezogen, mit Tränen, mit Bauchschmerzen. „Oh mein Gott, was wenn der Junge der Ausbildung abbricht, dann hat er kein Einkommen, sitzt zu Hause und hat nichts zu tun“. Und warum? Weil er sich nicht wohl fühlt!? Sei mal nicht so schwach und sensibel und zieh das durch,
Das war die unterbewusste Message. Ich habe meine Eltern nicht gezeigt wie schlecht es mir damals ging. Die Scham war zu groß. Die Angst vor Zurückweisung. Die Angst dass da kein Halt ist und Vertrauen. Ich habe das irgendwie unterbewusst gespürt. Das hätte man alles verhandeln können sicherlich. Aber es ist nun so wie es ist. Ich bin nur noch selten wütend auf meine Eltern, dass sie so sind wie sind. Ich kann immer mehr Frieden damit schließen.
Und die Erkenntnis schmerzt erstmal, wenn du feststellst, dass deine Eltern dir nie diesen bedingungslosen Halt und die Geborgenheit geben können die du dir immer gewünscht hast. Das darf weh tun. Aber es ist meine Verantwortung zu lernen mir das selbst geben zu können. Oder besser gesagt, dafür sorgen zu können, dass es mir gut geht. Das ist ein lebenslanger Prozess. Aber man lernt immer mehr über sich selbst.
Meine Aufgabe ist das Verhandeln zu lernen. Nicht immer schwarz oder weiß zu sehen sondern die Mittelwege, die Grautöne wahrzunehmen. Den kleinen Julian an die Hand zu nehmen und zu sagen, dass es weiter geht und immer eine Lösung gibt. Die Angst wird immer wieder kommen, das akzeptiere ich und ist verständlich anhand meiner Geschichte. Aber wie ich damit umgehe liegt bei mir.
Ich werde versuchen zu dem Thema in Zukunft Beispiele zu bringen. Da wird es sicherlich genug geben. Wenn die Angst kommt vor dem Fall aufgrund irgendeiner Situation und wie ich damit umgehe. Ich freue mich schon fast drauf. Ich will da drüber sprechen. Ich muss da drüber sprechen. Ich werde euch (oder dich :-)) auf dem Laufenden halten.
Ich wünsche dir einen tollen Tag!